• Vergesslichkeiten-Medizin

    Vergesslichkeiten-Medizin


    Kleines Outing zu Beginn: Ich bin ein innerlich ziemlich chaotisches und unruhiges Menschenkind, das immer wieder versucht, Ordnung zu schaffen, wo sich das große Durcheinander des Lebens breitmacht und mich verunsichert, anstrengt, überfordert.

    Und ich bin auch ein ziemlich durchritualisiertes Wesen – ich liebe meinen Tagesrhythmus, die Beruhigung durch sich wiederholende Muster.

    Mal so mal so eben. Mit zunehmend mehr Entspannung und Entlastung durch Rituale und gute Gewohnheiten. Vor einigen Wochen habe ich dazu eine erstaunliche Erfahrung gemacht, die ich gerne teilen möchte.

    Normalerweise esse ich morgens Brei – dass ist nicht besonders interessant aber insofern relevant, als dass dabei immer wieder die gleiche Handlung vorkommt, nämlich den Inhalt des Topfes in die Schale zu schütten.

    Während ich den Brei umrühre und umfülle, spreche ich normalerweise immer denselben Text, ein Essensgatha, was so etwas ähnliches ist wie ein Gebet. Die Reflexschleife heißt also: Brei umfüllen, Gatha sprechen. Funktionierte prima.

    Irgendwann im Sommer, als ich einigermaßen selbstvergessen mein Müsli begann zu essen, dachte ich: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal das Essens-Gatha gesprochen? Ich konnte mich nicht erinnern, aber es waren einige Wochen (!), also 2-3 auf jeden Fall, vergangen.

    Was war passiert?

    Im Sommer esse ich einen etwas anders zubereiteten Brei – ich gieße meine Flocken mit heißem Wasser direkt in der Schale auf. Tja, damit entfiel das Umrühren und Umfüllen aus dem Topf, wodurch sich das gesamte Ritual klammheimlich und vollkommen unbemerkt verabschiedet hatte.

    Ist das nicht irre?

    Handlung und ausgerichtete Geste waren komplett miteinander verwoben – ich musste nie darüber nachdenken, wann ich das Gatha spreche. Fällt die Handlung weg, fehlt auch die Ausrichtung, weil der gesamte Vorgang automatisiert, als wohlwollende Gewohnheit abgespeichert war.

    Diese Erfahrung hat mich sehr berührt, richtig umgehauen. Ich konnte am eigenen Leib erfahren, wie kostbar und eigentlich unverzichtbar die immer gleichen Rituale und Rhythmen für die spirituelle Praxis sind.

    Die Meditation am Morgen oder Abend ist genauso ein Ritual – ohne weiter darüber nachzudenken oder gar zu diskutieren gehen wir zu Kissen, Bänkchen oder Stuhl, setzen oder legen uns auf die immer gleiche Weise hin und sind auf diese Weise vorbereitet und auszurichten. Weil wir das wollen.

    Mit anderen Worten: Komm einfach vorbei zum gemeinsamen Sitzen in Stille; jeden Morgen um 7 und jeden Abend um 21 Uhr (abends nicht während der Schulferien NRW).

    Das Ganze heißt Kloster Online – hinter dem Button findest du den kostenlosen, total freien Zugangslink.

    P.S. Das Essens-Gatha geht so:

    Dieses Essen ist ein Geschenk des ganzen Universums – des Himmels, der Erde und vieler Wesen Zutun. Lebendiges musste hier für uns leiden und sterben.

    Mögen wir uns dessen bewusst sein und uns daran erinnern, woher unsere Nahrung kommt.

    Wir nehmen dieses Essen dankbar an, um den Weg von Mitgefühl und Weisheit zu gehen.

    Guten Appetit.

    Was ist denn bloß ein Gatha?????
    Ein Gatha – Sanskrit/Pali: gāthā – ist ein Vers, eine Strophe oder ein kurzer poetischer Gesang. Der Begriff wird vor allem im Buddhismus verwendet: Ein Gatha fasst dort häufig eine Lehre oder eine Haltung in wenigen, leicht merkbaren Zeilen zusammen.

  • Wegwarte

    Wegwarte


    Im Sonnenlicht genüßlich, weit sich wiegend. Hemmungslos.
    Heißt: ohne Hemmung, alles öffnend, zeigend.
    Ohne Morgen.

    Nur dann.

    Es regnet. Keine Wart am Wege mehr.
    Die Hosenbienen, ja, die gibt es, schlafen auch.
    Im Regen.

    Einfach. Alles einfach.

    Wusstest du:
    Die Wurzel bitter, Zichorie sagen wir dann dazu.

    Den Bienen macht das nix.

  • Viele Tage Welterforschung

    Die Tage sind randvoll mit wesen-tlichen Erfahrungen und lebendigen Begebenheiten.

    Wunderbare Wegwarte

    Heute, an Tag 8, begrüßte die Wegwarte nicht nur mich ganz unverhofft und sommerlich verschwenderisch – für wenige Stunden am Morgen breitete sie hunderte von Blüten aus, auf dass Wildbienen und allerlei anderes Getier sich sattfressen konnten.

    Am Nachmittag, es regnete, war keine eine Blüte mehr zu sehen – wie wunder-sonder-bar.

    Es lohnt sich sehr, die Bilder zu vergrößeren – in einer Blüte kranbbelt eine Biene mit vollgepackten Hosentaschen.

    Ein Flusstal als Gemälde

    Umwerfend. Ein Zauber von ineinanderumeinander fließenden Farben und Formen im Senne-Sand, der Name soll hier keine Rolle spielen.

    Ganz interessant, das Tal hat Insta-Qualitäten – statt praktisch gekleideter Boomer, die uns sonst eher begegnen, sprangen Zoomer mit Flipflops oder barfuß am Bach entlang. Smartphone griffbereit, versteht sich.

    Wobei der Rundweg wohl den Boomern bleibt – nicht toll genug der Weg durch Mischwald, ohne Bachgemälde.

    Der Tagesfund: Die Kirschpflaume

    Oder war es die Pflaumenkirsche?

    Egal, der Baum trägt schwer und steht seit Jahren in unserem Garten und blieb uns unbekannt weil namenslos. Die Früchte schmecken gut, sind roh und gekocht essbar – und nein, es ist kein neumodischer Kram für Stadtgärten, sondern ein, sog. Additionsbastard, den schon die Kelten kannten und der ganz ohne menschliches Zutun aus Zufall oder, schöner, aus Liebesgründen die Kirsche mit der Pflaume verbinden tat.

    Das Beitragsbild: Zeit für Tee

    Mein Tee am Morgen hat eine neue Unterlage – aus Holz, sehr fein gemacht und zauberhaft für Japans Tonerzeugnisse.

    Danke, kleiner Krieger, für das wunderbare Geschenk.

  • Tag 5: Der gemeine Liguster

    Bei meiner Sommer-Garten-Entdeckungs-Tour bin ich beim Liguster gelandet – im Familien-Jargon auch Languste genannt – frei nach dem ihn pflanzenden Gärtner, der offenkundig keiner war. Er sprach nämlich von der zu pflanzenden Linguste. Und nein, es streckt kein Tierchen seine Scheren in die Luft.

    Okay, warum heißt er denn Liguster und nicht Languste, der Liguster?

    Zwei Varianten: erstens könnte er einfach aus Ligurien, diesem wunderbaren Felsenfleck in Italien kommen. Dort müssen die Hauptwanderwege zeitweise wegen Touristen-Überflutungen aus aller Welt geschlossen werden…ob da noch Platz für Liguster bleibt?

    Die Ligurer waren übrigens ein ganz eigenes Völkchen in der Antike, die den genügsamen Strauch vielleicht, siehe unten, praktisch benutzt haben.

    Denn vielleicht bezieht sich der Name auf die sehr biegsamen Triebe, die, nach dem Lateinischen „ligare“ (binden), zum Flechten und Binden verwendet wurden – ähnlich wie bei der Weide.

    Langustine für Biene & Schmetterling

    Das optisch unscheinbare Buschgewächs hat kleine weiße Blüten, die beinahe duften wie die Linde – die scharzen Beeren holt bei uns die Amsel.

    Ich lese, dass auf dem Liguster bis zu 15 Raupenarten leben und viele Vogelarten sehr begeistert sind.

    Namensmäßig stand der Strauch auch Pate für den Ligusterfalter, der nichts anderes frisst als dessen Blätter. Aprospos, die Raupen sind da ziemlich pingelig – sie fressen nicht mal dies mal das und viel von allem wie die Kleine Raupe Nimmersatt.

    Nö, das Tagpfauenauge ganz zum Beispiel frisst ausschließlich Brennessel – wenn die nicht da sind, tja, gibts auch die Schmetterlinge nicht. Wie gut, dass wir von beidem haben. Und dass jetzt klar ist, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

    Die Quellen heute:

    P.S. Heute hörte ich im Radio über Kolonialismus in der Pflanzenwelt – am Beispiel Botanischer Gärten. Und frage mich, wie die Ligurer den Strauch wohl nannten, als es noch ihrer war? Dazu bald mehr.

  • Tag 3: Gehörnter Sauerklee & Gundermann

    Also nochmal zum Oleander – in der griechischen Mythologie gab es wohl einen jungen Mann, Leander, der nächtens zu seiner Liebsten durch den Hellespont, was damals, sehr lange her, ein Stück Meer zwischen Europa und Asien war, schwamm.

    Es kam wie es kommen musste, er ertrank in den Wellen seiner Liebe und die Story sagt, dass dort, wo sein körperlicher Überrest angespült wurde, ein…Oh! Leander-Busch wuchs (danke Fabian).

    Ich fand dann auch noch viel Dualität, wie oben auch, ein Ringen um Liebe und Tod, um Schönheit und Gefahr, um Unvergänglichkeit.

    Jaja, der Oleander ist ein feines Büschchen.

    Und dann: Gehörnter Sauerklee?

    Zugegeben, der Name ist doch ziemlich gar nicht prosaisch – gehörnt sind die winzigen Samen und sauer sind Blatt und Stil.Terrassensteinen und kann von dort direkt zum Salat.

    Der Gundermann – die Soldatenpersilie

    Neben dem Gehörnten wächst der Gundermann – beim Ausreißen, ja, das muss ein, er wächst sich sonst bis ins Wohnzimmer aus, riecht’s krautig-herb.

    Der Name: Gund ist wahrscheinlich aus dem Mittelhochdeutschen und heißt Krieg, oder, aus anderem Sprachengrund, Eiter. Da der Gundermanan ganz wunderbar bei der Wundheilung hilft, ist der Name nicht weiter wundernswert.

    Und weil er würzig schmeckt, und, wie übrigens die meisten Wildkräuter, sehr vitamin- und mineralstoffreich ist und überall vorhanden (also früher, draußen…) passt auch der Soldatenpetersilien-Name gut.

    P.S. Der Gundermann blüht blau – die wilde Erdbeere hat sich vorwitzigerweise ohne zu fragen ins Bild geschlichen. Naja, wild eben.

  • Tag 1: Von SchmetterElstern & Oleander-Riegeln

    Heute begann ich den Tag mit Lauschen.

    Und fand den Oleander, giftig und dem Jenseits freundlich zugeordnet – seit JAhren steht er hier und blüht in unsere Herzen.

    Und fand das Tagpfauenauge – es weiß schon, was sich transformieren will und sagt es zögerlich. Und zwinkert.

    Und fand den Rotschaligen Hartriegel, dem ich seit Jahren wenig gute Blicke schenkte – ein Wucherzeug. Seit heute weiß ich, wie heimisch sich Insekt und Vogel fühlen in und mit ihm, seinen BlütenBeeren.

    Und eine Elsterndfeder versprerrte mir den Weg, sie blieb, als ich hinübersteigen wollte. Nagut, ich nahm sie, las und war erstaunt, was Schmetterling & Elster alles wissen, über die, zu der ich Ich sage.

  • Fading away

    Fading away



    Faser für Faser zerfasern
    Zwischenräume wachsen lassen
    zwischen den
    zu eng geknüpften Fäden.

    Am Schnittbrett geplant
    die Nadeln stumpf,
    zu viele.

    Ausfasern, am Rand
    darüber hinauswachsen
    unmerklich
    tritt der Rand
    über ins AllEin.

    Faserlos.
    Das Stück quer.

    Auch.

  • In der Dunkelheit

    In der Dunkelheit


    Heute würde ich mich vom Licht abwenden

    in die Tiefe der Erde mit den schmalen Nägeln Furchen ziehen und darin Zuflucht suchen.

    Vielleicht.

    Im abnehmenden Licht.

  • Kein Atemzug zu spät

    Ich hörte von Frau I. aus H., die mit 99 tat, was ihr bis dahin fremd und wohl auch ganz unmöglich war. Was mich nicht nur zum Lachen, sondern fast gleichzeitig zum Freudenweinen brachte. Ich hörte eine echt gelebte und erfahrene Geschichte, eine über das Verlassen einer mehr als 70 Jahre gepflegten eng geschnürten (Un)Komfortzone – und die, also die (Un)Komfortzonen, sind mit 99 bekanntlich ziemlich tief verankert. Frau I. aus H. zeigt mir, uns und der Welt, dass wir auch fest verschnürt Gewohntes ändern können, selbst das, was tief in unseren Knochen wohnt, darf gehen. Wenn wir das wach entscheiden. Egal wie alt wir sind. In diesem Fall geschah Undenkbareres – und wer die kleine feine Lady näher kennt, könnte es fast nicht glauben. Und doch geschah es, nämlich das: Frau I. verschenkte Geld, nicht irgendwelches, sondern ihren Notfallgroschen.

    Nun ist die alte Lady gar nicht arm, als dass es nötig wäre, auf einen Notfall hin das kleine Geld zu sammeln. Eher im Gegenteil, Frau I. ist wohl versorgt, fast reich. Sie weiß das auch, sie ist gebildet, klug und firm im Umgang mit den Zahlen und dem Geld – und doch ist sie damit ganz fest gefangen im Trauma eines schlimmen Mangels. Dem Mangel aus dem Krieg. Seitdem, also seit mehr als 70 Jahre, kauft sie deshalb sehr sparsam ein, nimmt immer alles billig, wirft niemals etwas weg und verabscheut alles, was nach Verschwendung riecht – das tut es leicht in ihrer Nase.

    Nun hat Frau I. aus H. vor Monaten bis Jahren eine ganz neue alte und sehr tröstliche Notgroschen-Spar-Idee entwickelt – sie sammelt Euro- und 50-Cent-Stücke. Die wandern meistens aus dem Portemonnaie in eine Vielzahl alter Marmeladengläser, die werden dann im Schrank gesammelt und versteckt – hinter und unter einer Menge von ziemlich viel getragenen Kleidungsstücken, die, natürlich, alle wohl geordnet und nach wie vor gut tragbar sind. Sie zählt das Geld nicht, sammelt nur und hat bisher darüber auch geschwiegen. Aus einer alten Angst es könnte jemand diesen Groschen nehmen wollen. Der Grundton von Frau I. ist deutlich sparsam, ist einer, der im Mangel wohnt, der nie frei raus bis unter alle Himmel tönen kann. Damit eins klar ist: Frau I. hat ihre Tassen voll im Schrank und ist auch nicht verwirrt; nicht was das Geld angeht und auch nicht überhaupt.

    Geld und Glück und Liebe nach dem Krieg

    Frau I. hat eine Schwester, die ist piepjung mit 82 und die hat eine Freundin (die noch viel jünger ist, so Anfang 70); die beiden fahren, besser: fuhren, ganz regelmäßig über Land von B. nach H., besuchten dort die alte Schwester, gingen gemeinsam hin zum Werre-Ufer, saßen im Garten und freuten sich an allem und vor allem aneinander. Weil auch die jüngere Schwester nicht mehr gut zu Fuß ist, geht das nur mit Auto, das kürzlich, und damit nimmt die Story ihren Anfang, schrecklicherweise den ziemlich alten Geist aufgab. Vorbei die schönen kleinen Fahrten, die frohen Treffen, die herzerfreulichen Besuche – vorbei vorbei für alle drei.

    Als Frau I. davon hört, schweigt sie. Länger. Was soll sie denn auch sagen über Enttäuschung und die Trauer, für die es ohne Auto keinen Trost und im Moment auch keine Worte gibt. Bis zum nächsten Telefonat denkt sie wohl nach und sagt dann zur Begrüßung: „Ich habe mal gezählt.“ Die Schwester weiß von nichts und denkt: Naja, das Alter…Frau I. spricht weiter: „Ich habe mal gezählt, es sind 1500,- Euro und die kriegt B., damit sie sich ein Auto kaufen kann…“ Die Schwester traut den Ohren nicht. Noch nie, niemals, nienicht hat sie erlebt, dass I. ein richtig großes Geld verschenkt. Eins, das sich lohnt. Sie weiß ja nichts vom Notfallgroschen, fragt nochmal nach und hört: Sie meint es ernst, die alte Sparmaus, sie will, dass es ein Auto gibt und Ausflüge nach H. und dafür schenkt sie ihre Gläser leer.

    Und nein, sie hätte dieses Geld niemals gebraucht. Und ja, es war ein echter Augenstern, das Geld im Schrank. Es zu verschenken ist eine echte, tiefe Herzensgabe jenseits aller Nachkriegs-(Un)Komfortzonen und weit über die hinaus. Das mag sich komisch lesen, wahr ist es trotzdem.

    Jetzt steht das große Wechseln noch bevor: Schwester und Freundin aus B. werden, da ohne Auto, von D. aus B.  nun noch nach H. gefahren;  die Gläser werden feierlich auf den Rollator verladen und zur Sparkasse gebracht. Die Scheine wandern dann zum Schrauber, der sich schon umsieht, nach einem Auto-Schnäppchen – das Geld wird reichen, da sind alle sicher. Die Autorin auch.

    Und lernen kann ich als Hörende, wie gut es ist, dass wir uns immer ändern können, dass jedes Herz mit jedem Atemzug ein bisschen weiser, weiter, liebevoller werden kann. Und Freude macht das auch. Mit 99 sowieso. Und vorher immer auch.

  • Weltgesang

    Weltgesang


    Wenn
    Stimmen singen
    klingt die Welt
    auf eine Weise
    auf eben diese eine
    die ohne Worte ist – nur Klang.

    Ein Klang aus vielen
    hohen, tiefen, satten, dünnen, lauten, leisen
    Stimmen
    ist mehr als nur Gesang,
    ist Welt in einem.

    Wer singt wird weit
    wer hört getröstet
    wird eins
    für den Moment.
    Und das ist viel.

    Mit diesem Klang
    der alle Stimmen
    All-Eins macht.